Ein Verein am Rand der Explosion
„Das Tottenham‑Umfeld ist ein Pulverfass, das jederzeit explodieren könnte“, beschreibt Raphael Honigstein, Journalist und England‑Experte, die aktuelle Gemütslage innerhalb des Nordlondoner Vereins, der vor sieben Jahren noch im Finale der Champions League stand. Seitdem ging es kontinuierlich bergab. Zehn Trainer, darunter namhafte wie José Mourinho oder Antonio Conte, sowie große Stars wie Harry Kane und Heung‑Min Son, konnten den Klub nicht an sein großes Ziel heranführen: die Spitze Europas oder zumindest die Premier League zu erreichen. Doch wie kann ein ambitionierter Titelanwärter innerhalb weniger Jahre zweimal in Folge haarscharf dem Abstieg entkommen?
Spott über die Spurs
„Spursy“, ein mittlerweile etablierter Begriff auf der Insel, steht sinnbildlich für klägliches Scheitern kurz vor der Ziellinie. Das Tottenham‑Fanlager ist es gewohnt, unangenehme Sprüche über sich ergehen zu lassen. Der Gewinn der Europa League im vergangenen Jahr sorgte zumindest dafür, dass man sich nicht noch ein weiteres Jahr anhören musste, man könne keinen europäischen Titel gewinnen. Richtig: Der vorherige internationale Pokal datiert aus dem Jahr 1984, damals war es der Gewinn des UEFA‑Cups.
Erleichterung als trügerische Fassade
Die vermeintlich große Erleichterung verschleierte jedoch nur die tief verwurzelten Probleme des Klubs. Die parallellaufende Premier‑League‑Saison verlief mit dem 17. Platz – einem Rang vor der Abstiegszone – fatal. Man hielt es für einen einmaligen Ausrutscher. Falsch gedacht. Ein Jahr später stand erneut der 17. Platz zu Buche, diesmal nur zwei Punkte vor Absteiger West Ham United. Erst am letzten Spieltag sicherte ein 1:0‑Heimsieg gegen Everton den schmeichelhaften Klassenerhalt.
Ein teurer Kader ohne Einheit
Bei einem Kaderwert von knapp einer Milliarde Euro und Stars wie Xavi Simons, Mathys Tel oder Randal Kolo Muani wirkt der desolate Auftritt auf den ersten Blick verwunderlich. Doch ähnlich wie beim Star‑Ensemble von PSG entstand nie eine echte Einheit. Auf Stürmer Richarlison, der mit zwölf Treffern die meisten erzielte, folgen Palinha (fünf Tore) sowie die Abwehrspieler Van de Ven und Romero (je vier Tore), bevor mit Mathys Tel ein weiterer Offensivspieler auftaucht. Das ist vorne schlicht zu wenig. Die Abgänge der Vereinslegenden Kane und Son konnten nie adäquat kompensiert werden.
Der verpasste Aufschwung
Der 1882 gegründete Verein erlebte unter dem ehemaligen Vorsitzenden Daniel Levy 2019 mit dem Erreichen des Champions‑League‑Finals und der Eröffnung des hochmodernen Tottenham Hotspur Stadium seinen größten Aufschwung. Der erhoffte Erfolg blieb jedoch aus. Der Vereinsführung wird vorgeworfen, sie habe das Finanzielle über das Sportliche gestellt und die eigene Spielphilosophie aus den Augen verloren. Man verpflichtete große Namen in der Hoffnung, den unmittelbaren Erfolg zu erzwingen. Dieser blieb aus – und der Klub geriet in eine Abwärtsspirale aus ständigen Trainerwechseln. Ausgaben von über einer Milliarde Euro zahlten sich nie aus und förderten den Umbruch nicht.
Fehlentscheidungen in der Krise
Selbst als man sich kurz vor Ende der vergangenen Saison in akuter Abstiegsgefahr befand, plante man mit Trainer Roberto De Zerbi langfristig, statt eine pragmatische kurzfristige Lösung zu wählen. Dem Italiener gelang zwar der Klassenerhalt, doch die aktuelle Saison beginnt trotz hoher Ausgaben (366,65 Mio. Euro) erneut schwach. Nach drei Spielen steht ein magerer Punkt zu Buche – und Tottenham verweilt wieder auf dem mittlerweile vertrauten 17. Tabellenplatz.
Neuanfang als letzte Chance
Es bleibt fraglich, ob den Spurs der Neuaufbau in dieser Saison gelingt, zumal sich intern wenig verändert hat und auch die Neuzugänge bislang nicht überzeugen. Vielleicht wäre ein Neustart in Liga zwei eine vielversprechende Möglichkeit. Denn im tiefsten Tal zieht man bekanntlich die besten Lehren.
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